Nobelpreisträger für Physik 1987
IBM Fellow Emeritus, IBM Research, Zürich (Schweiz)
Supraleitung – vom Phänomen zur Technologie (09:30)
Bald nach der Entdeckung der Supraleitung vor einem Jahrhundert wurden ehrgeizige Pläne für großtechnische Anwendungen entwickelt. Niedrige Übergangstemperaturen, geringe kritische Ströme und eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern erwiesen sich jedoch als unüberwindbare Hindernisse. So blieb die Supraleitung jahrzehntelang eine wissenschaftliche Kuriosität, bis Ende der 1970er Jahre neue intermetallische Supraleiter die Möglichkeit eröffneten, leistungsstarke Magnete für die Festkörperforschung und medizinische Instrumente zu entwickeln.
Doch selbst nach jahrzehntelanger Suche nach Materialien mit höheren kritischen Temperaturen blieb die Supraleitung ein Niedertemperaturphänomen. Ein Paradigmenwechsel in der Forschungsstrategie für neue Materialien, bei dem Oxide anstelle von Metallen verwendet wurden, führte zur Entdeckung der Hochtemperatur-Supraleitung in einer neuen Materialklasse und verlieh dem Forschungsgebiet neue Impulse. Nach der Entdeckung führte jahrzehntelange Forschung zur Entwicklung der neuen Supraleiter zu Hochleistungsmaterialien, die heute die Grundlage einer Supraleiterindustrie bilden.
Mit ihren überzeugenden Vorteilen bei der Erzeugung, Übertragung und Verteilung elektrischer Energie sowie bei effizienten industriellen Prozessen hat die Supraleitertechnologie das Potenzial, den gesamten Energiesektor zu prägen. Hier kann sie einen wesentlichen Beitrag zum Übergang zu einer vollelektrischen Gesellschaft leisten, um die mit dem Klimawandel verbundenen Umweltprobleme zu bekämpfen.
Zur Person
Georg Bednorz, geboren am 16. Mai 1950 in Neuenkirchen (NRW), erhielt 1975 sein Diplom in Kristallographie und Mineralogie von der Universität Münster. 1977 wechselte er zum Promotionsstudium an das Institut für Festkörperphysik der ETH Zürich. Hier widmete er sich der Erforschung von strukturellen Phasenumwandlungen und den dielektrischen und ferroelektrischen Eigenschaften von Oxiden mit Perowskit Struktur.
1982 trat er ins IBM Forschungslabor in Zürich ein, an dem er zuvor schon während seiner Münsteraner Studienzeit mehrere Forschungsaufenthalte verbracht hatte. Hier konnte er seine Erfahrung mit den Perowskiten direkt in aktuelle Forschungsprojekte einbringen. 1983 startete er mit Alex Müller, seinem Doktorvater und danach neuem Partner, die Suche nach Supraleitung in leitfähigen Perowskiten, ein ambitiöses Projekt mit ungewissem Ausgang. Nach 3 Jahren gelang beiden Forschern, sensationell und für die Fachwelt völlig überraschend, der Nachweis von Supraleitung in Cu-Oxid-haltigen Keramiken, und zwar bei überraschend hohen Übergangstemperaturen. Für diese Entdeckung der Hochtemperatur-Supraleitung im Jahr 1986 wurde beiden schon im darauffolgenden Jahr der Nobelpreis für Physik verliehen.


